So, 5.5.24, 11 Uhr, Produzentengalerien PUPILLE, Peter-Rosegger-Str. 97, 72762 Reutlingen

„ Was für eine Idee willst Du transportieren?“ war die an mich gestellte Frage eines befreundeten Galeristen, die mich sozusagen kalt erwischte.

Dass ich meinen geliebten Lebenspartner auf dem Krankenlager über vier Monate hin zeichnete, so bei ihm und bei mir zugleich sein konnte, war das eine, dass dabei 25 Leinwände bearbeitet wurden, das andere, dass das Sinn machte für mich, für ihn, für die Pflegekräfte, die einen Kranken zwischen Bildern vorfanden und ihn daraufhin ganz anders und genau anschauten, auch. Aber an den Transport einer Idee habe ich dabei nicht gedacht.

„Nur der gegenwärtige Augenblick ist wirklich.“ schreibt der Psychiater und Romancier Irvin D. Yalom und das ist immer, besonders aber im Umgang mit einer tödlichen Krankheit ein sinnstiftendes Lebensmotto. Ist das eine Idee ? Nein, weise, sonst nichts. Das Leben gewinnt, in Bezug auf den Tod betrachtet, enorm an Bedeutung. Auch keine Idee, nur wahr. Ich gebe es offen zu: ich will keine Idee vermitteln.

Dokumentarisch sind die insgesamt 25 Buntstiftzeichnungen auf Leinwand (40x120cm)1 portraithaft, gegenständlich abbildend und schon allein durch die Umstände bedingt oft fragmentarisch. Sie entsprechen dem Charakter von Studien, wobei das Format und der weiße Hintergrund insofern bedeutungsvoll sind, als sie dem Liegen und dem Eintritt in die Leere entsprechen. Was diese dokumentarischen Arbeiten betrifft, spielt ein Text von Franҫois Cheng2 insofern eine Rolle, als er mich dazu ermutigte, den Hintergrund der Zeichnungen frei zu lassen3.

Portraitcharakter der Zeichnungen – trois crayons (entsprechend drei Farbtönen) versus Reueübermalung mit weißer Grundierfarbe, eine Fülle von Farbnuancen bei Anwendung nur weniger Stifte, nie wissen können wie viel Zeit ich habe, schwerradierbar, seine Lageveränderungen, langes Warten bis die gleiche Haltung wieder auftaucht, ständige Unterbrechungen. Das extreme Querformat verdankt sich der falschen Vorstellung, ich könne die vor Jahren gemalte Portraitreihe von Jürgen fortführen4 und wurde für mich im Nachhinein auch ein Synonym für einen maßstäblich verkleinerten Sarg. Das Fragmentarische der Zeichnungen entspricht dem Fragmentarischen des Menschenlebens. Klar ist das eine Deutung im Nachhinein, aber jede Haltung hatte ihr Ende, jeder Augenblick und ich kam allzu häufig mit dem Zeichnen nicht hinterher.

Einige von den Zeichnungen- die Optimistischeren – hingen in Jürgens Sichtweite, er hat sie gesehen und auf meine Fragen: Geht das so ? klar geantwortet.

Andere habe ich ihm nicht zu zeigen gewagt.

Um dem Titel „Von Anfang bis Ende“ gerecht zu werden, erscheinen in der Ausstellung auch kleinformatige Aquarelle und mit Ei und Pigment gemalte Bilder, die ausgehend von der Geburtsurkunde verschiedene Lebensstationen zitieren. Hier entsteht eine Distanz zum reinen Abmalen von Fotografien dadurch, dass gelegentlich Reißnägel, Klebestreifen oder Finger, die das Bild halten, mit abgebildet sind.

Zweitens ist ein Leben ohne Kunst, wenn schon nicht sinnlos, so doch unerfreulich. ( persönlicher Erfahrungswert ). Leider macht das geradezu eine Definition von Kunst nötig, wozu doch schon Dürer gesagt hat:“ Was aber die Schönheit ist, das weiß ich nit.“ Jedenfalls werden neue Perspektiven geschaffen und im besten Fall entstehen Ergebnisse, die für sich stehen, die Adorno mit dem Prädikat „ konkrete Allgemeinheit“ ausgezeichnet hätte, Matisse als „Lehnstuhl für den Betrachter“ anbieten würde und wozu Schiller bemerkt, dass „ das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters darin besteht, dass er den Stoff durch die Form vertilgt.“ 5

Irgendwo zwischen diesen Stühlen oder unter ihnen sitze ich und wurschtle in meinen Vorstellungen und den Ansichten der Außenwelt von den Verführungskräften der Kohle, der Farbe, des Zeichnens und Malens6 überwältigt herum , bis mich mein Ergebnis überrascht oder befriedigt und ich etwas sehe, was mich tief berührt und wovon vormals Jürgen7 bemerkte : „Das kannst Du so lassen.“

Nach seinem Tod wollte ich jedenfalls Lebensbilder, Beruhigungsbilder als Gegenstück zu den Portraits meines toten, liebsten Menschen malen. Ich dachte an beruhigende Grüntöne, so eine Art vielversprechenden Vorhang vor dem Jenseits, an das ich nicht im Mindesten glaube.

Während ich verklärten Vorstellungen von abstrakter Farbfeldmalerei mit ätherischem Schimmern nachhing, liefen mir die Bilder rechts und links aus dem Ruder. Nicht ruhig, sondern aufregend, was bei den gezeigten Arbeiten Ruhe ausstrahlt, entstammt anderen Zeiten und ist nur formal etwas nachbearbeitet.

Sei‘s nun „Loreley ?“ oder „die rote Jacke“ „Rheinmärchen Brentano“ „Hausgarten“ „Papyrus“ „Stillleben mit Erscheinung“ „Mann“ oder „Frau“ und so fort. Alles ist mehrschichtig, bewegt, überall weht der Wind, mindestens stellen Farbkontraste dringliche Fragen. Diese Bilder transportieren keine Idee, es sind Bildwelten, Farb- und Vorstellungsräume; sie wecken Assoziationen und Gefühle, riskieren Harmonie, suchen Natur, sind ein Nichts im Kosmos… ich persönlich finde sie sehenswert.

Fußnoten:

1  Von denen voraussichtlich 16 gezeigt werden

2  Franҫois Cheng, Fülle und Leere, die Sprache der chinesischen Malerei, Merve Verlag Berlin 2004

3…das Buch war so klein, dass ich es mit der rechten Hand halten konnte, während ich Jürgens Hand in meiner Linken hielt, was mir ebenso richtig schien wie angemessen: der erwartbare Schritt ins Leere.

4  Die Eitemperamalerei von damals und die Buntstiftzeichnungen vertragen sich aber nicht.

5  S.340 Zweiundzwanzigster Brief aus“ Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen.“ Claus Träger, Reclam, Leipzig 1970

6   Auch wenn Beuys bemerkt hat, dass „wer in den Laden geht und eine Leinwand kauft, schon verloren ist“ tröste ich mich: „ Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“ ( Watzlawick, Paul)

7  Jürgen war vom Fach, fest verwurzelt in Stuttgarts Kunstszene, ein Katalog von ihm liegt aus.


Vernissage: XENIA MUSCAT “ Von Anfang bis Ende „